Pressearchiv BVA 2002

Die Fallstricke voreiliger Fallpauschalen

23.07.2002 - Presseerklärung
des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands und
der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft
zu den stationären Fallpauschalen (DRG's).

Die deutschen Augenärzte begrüßen grundsätzlich die Einführung von Fallpauschalen zur Abrechnung stationärer Krankenhausbehandlungen. Allerdings warnen sie eindringlich davor, sie in der geplanten Form umzusetzen; denn so würden sie zwangsläufig zu einer verhängnisvollen strukturellen Veränderung der bisher flächendeckenden augenärztlichen Versorgung führen. Zudem würde die deutsche Augenheilkunde, die als vorbildlich gilt in Bezug auf Fortschritt und Effizienz, in ihren Möglichkeiten derart eingeschränkt, dass man eine ernste Gefahr für den Erhalt des guten Sehens Patienten befürchten müsste. Derzeit sind etwa 20 % Bevölkerung von Blindheit bedroht. Dank der effizienten Augenheilkunde erblindet aber weniger als 1 %. Abgesehen von dem unschätzbaren Wert, den das bewahrte Sehvermögen für den Einzelnen bedeutet, liegen die Kosten, die Blindheit und Sehbehinderung verursachen, wesentlich höher als die der augenärztlichen Therapie, wie mehrfach nachgewiesen wurde.

Gerade die Behandlung der schwierigsten Augenkrankheiten, die zu massiven Einschränkungen der Lebensqualität führen können, insbesondere dann, wenn gleichzeitig andere Erkrankungen vorliegen, wird wegen ökonomischer Ungereimtheiten an Qualität verlieren. Hinzu kommt, dass nicht abzusehen ist, wie sich die DRG's auf die verschiedenen Strukturen augenärztlicher Versorgung auswirken, also auf Universitätskliniken, Städt. Kliniken, Belegkrankenhäuser, Praxen niedergelassener Augenärzte. Nach den Erfahrungen in der Startphase ist diese Befürchtung berechtigt.

Das Hauptübel liegt darin, dass sich die australischen DRG's absolut nicht auf deutsche Verhältnisse übertragen lassen. In Australien werden die DRG's für die Augenheilkunde praktisch nicht in Universitätskliniken angewandt. Insgesamt werden überhaupt nur 18 % der Operationen über die DRG's abgerechnet. Die Finanzierung australischer Krankenhäuser ist nicht zu vergleichen mit der in Deutschland. Hinzu kommt, dass die Fallpauschalen seit vielen Jahren den Innovationen der Augenheilkunde - insbesondere denen der Augenchirurgie - nicht mehr angepasst wurden.

Alle augenärztlichen DRG's in der derzeitigen Planung schließen durch den Zusatz "Z" eine Definition des Schwierigkeitsgrades ebenso aus wie die Berücksichtigung von sog. Comorbidity Complications und Clinical Complexity Level.

Eine Besonderheit, die bei der Augenheilkunde berücksichtigt werden muss, besteht darin, dass gerade ältere Patienten mit komplizierten Augenleiden häufig noch andere Krankheiten haben.

Auch lässt die Beschränkung auf 15 operative DRG's ohne erkennbaren Grund eine Differenzierung in unterschiedliche Schwierigkeitsgrade bzw. Operationstechniken nicht zu. Beispiel: Für die einfache Vereisung eines Netzhautloches bei einem sonst gesunden Patienten wird das gleiche Honorar angesetzt wie für eine mehrstündige Netzhautoperation, die höchstes Können erfordert und erheblichen apparativen Aufwand bei einem schwerkranken Patienten während eines längeren stationären Aufenthaltes! Zudem bleibt unberücksichtigt, ob die Operation an einem oder an beiden Augen erfolgt.

Die Umsetzung der derzeit geplanten DRG's hätte zur Folge: statt der Kosten sparenden Eingriffe während eines stationären Aufenthaltes Aufteilung auf mehrere Klinikaufenthalte. Schwierigere Fälle würden in wohnortferne Zentren abgeschoben, deren Finanzierung zusammenbrechen müsste. Notwendige stationäre Nachbehandlungen würden in die Praxen verlagert, die evtl. fachlich, apparativ und auch wirtschaftlich gar nicht da zu in der Lage sind.

Die Augenärzte fordern daher:

  1. Wie bereits mehrfach angeregt und vorgeschlagen, muss der Katalog medizinischer Prozeduren (OPS) endlich dem aktuellen Stand der Augenheilkunde in Deutschland angepasst werden, um das Spektrum der augenärztlichen Tätigkeit überhaupt dokumentieren zu können.
  2. Die DRG's müssen besser differenziert die Vielfalt augenärztlicher Operationen abbilden.
  3. Im DRG-Code muss in den meisten Fällen das "Z" wegfallen, um eine Multiplikation nach Schwierigkeitsgrad und Begleiterkrankungen, wie in anderen medizinischen Fachgebieten, zu ermöglichen.
  4. Vor definitiver Einführung sollten die Erfahrungen in den USA und Australien ausgewertet werden und die Ergebnisse für das deutsche Fallpauschalensystem umgesetzt werden. Dabei sind insbesondere auch die Fortschritte der Augenheilkunde in den letzten Jahren zu berücksichtigen.

Herausgeber:
Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA),
Tersteegenstr. 12, 40474 Düsseldorf

Pressekontakt:
Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA),
presse(at)augeninfo.de,
www.augeninfo.de

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