Pressearchiv BVA 2007

Augenärzte am Brutkasten: Lasermedizin erspart Frühchen die Blindheit - Berufsverband der Augenärzte weist auf die Untersuchung schon bei den Allerkleinsten hin

Düsseldorf, 11. Juni 2007 – 1000g – das ist nicht schwerer als eine Tüte Milch in der Hand zu halten! Tatsächlich kommt es heute immer öfter vor, dass Babys mit diesem Geburtsgewicht überleben. „Fast jeder weiß, dass sehr kleine Frühchen oft mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben, zum Beispiel mit der Herz- und Lungenfunktion. Neben den bekannten Risiken kann sich aber auch die Netzhaut (Retina) fehlentwickeln. Diese so genannte Frühgeborenen-Retinopathie birgt eine immense Gefahr für das Sehvermögen“, erklärt Prof. Dr. med. Birgit Lorenz vom Universitätsklinikum in Regensburg. Seit 2001 engagiert sich Prof. Lorenz in einem Projekt für eine umfassende Diagnostik bei Frühchen. In fünf Frühgeborenen-Zentren der Kinderkliniken in Bayreuth, Deggendorf, Passau, Regensburg und Weiden werden dabei mit einer digitalen Weitwinkelkamera Untersuchungen vorgenommen und die Bilder direkt an das Klinikum der Universität Regensburg übermittelt. Dieses Projekt bietet die Möglichkeit einer bundesweiten Vernetzung der Frühgeborenenstationen, die dann ihre Befunde vergleichen und auch extrem seltene Krankheitsbilder sicher beurteilen können. Acht Prozent aller Babys mit einem Geburtsgewicht unter 1.250 Gramm und 20 Prozent aller vor der 28. Schwangerschaftswoche geborenen Kinder sind von einer Frühgeborenen- Retinopathie betroffen, was die Notwendigkeit eines solchen Projektes nur unterstreicht. Es ist besonders wichtig, auf die Gefahr einer Netzhautablösung zu achten, denn sonst kann das soeben erst aufgegangene Licht der Welt schnell wieder erlöschen. „Mit der neuesten Technik gelingt es immer besser, den kleinen Wesen zu helfen. Auch in diesem Fall, denn mit einer rechtzeitigen Laserbehandlung, die für die Kinder übrigens völlig schmerzfrei ist, haben wir eine 95-prozentige Chance, das Augenlicht des Kindes zu bewahren“, sagt Prof. Lorenz. Erschreckend: Ohne geeignete Behandlung steigt das Erblindungsrisiko des Frühchens auf bis zu 80 Prozent.

Ständige Kontrolle

Die Frühgeburtenhäufigkeit liegt in Deutschland bei fünf bis acht Prozent aller Geburten. Bei einer späten Schwangerschaft ist das Risiko einer Frühgeburt um 25 Prozent erhöht. Rauchen und der Genuss von Alkohol während der Schwangerschaft sind neben einer schlechten Ernährung ebenfalls Risikofaktoren. Weitere Ursachen können beispielsweise eine Mehrlingsschwangerschaft, oder auch Diabetes und Bluthochdruck der Mutter sein. Die Entwicklung der Netzhaut des Kindes ist erst zum natürlichen Geburtstermin vollständig abgeschlossen. „Eine regelmäßige augenärztliche Untersuchung ist entscheidend bei Risikofrühchen: Wird dabei eine Frühgeborenen-Retinopathie entdeckt, kann sie rechtzeitig behandelt werden“, sagt Prof. Lorenz. Verursacht wird die Netzhautablösung durch eine Fehlentwicklung der retinalen Blutgefäße. Während der Geburt muss sich der kindliche Kreislauf umstellen, und oft brauchen Frühgeborene auch noch eine zusätzliche Sauerstoffversorgung. In dieser Situation verengen sich die noch mangelhaft ausgebildeten Blutgefäße zunächst, das Gewebe wird nicht mehr ausreichend ernährt. Das wiederum führt in der Retina zur vermehrten Ausschüttung verschiedener Wachstumsfaktoren, so dass sich krankhaft neue, brüchige Gefäße bilden, die von der Netzhaut in den Glaskörper wuchern. „Man könnte davon sprechen, dass die Netzhaut einfach noch nicht fertig ist, wenn die Babys zur Welt kommen. Sie braucht deshalb große Aufmerksamkeit, um die Entwicklung in die richtige Richtung lenken zu können“, sagt Prof. Lorenz.

Erfolgsquote bei 95 Prozent

Mit einer genauen Beobachtung der Netzhaut kann festgestellt werden, ob eine Netzhautablösung droht. „Wird zu lange gewartet, kann es passieren, dass die Fehlentwicklung schon zu weit fortgeschritten ist und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann – im schlimmsten Fall erblindet das Baby“, warnt Prof. Lorenz. Durch ein engmaschiges Screening mit einer Weitwinkelkamera ab der sechsten Woche nach Geburt können die Veränderungen an der Netzhaut frühzeitig erkannt werden. Sollte eine solche Diagnose gestellt worden sein, so wird mittels einer Lasertherapie unter Narkose die Gefahr einer Netzhautablösung gebannt. „Für Frühchen sind lebenslange Kontrollen durch einen Augenarzt notwendig, im Kindesalter zweimal jährlich, denn auch Folgeschäden bis ins Erwachsenenalter sind nicht unwahrscheinlich“, sagt Prof. Lorenz. Spätfolge kann immer noch die gefürchtete Netzhautablösung sein, die gerade bei Kindern oft zu spät erkannt wird, da sie Sehstörungen nicht immer bemerken oder den Eltern berichten. Auch im Erwachsenenalter kann das noch passieren. Bei kompletter und lange bestehender Netzhautablösung sind die Erfolgsaussichten einer Operation sehr viel schlechter als bei früher Diagnosestellung. Daher sollte jeder, der zu früh zur Welt gekommen ist, mindestens einmal jährlich seinen Augenarzt aufsuchen.


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