Pressemitteilung

13.11.2013

Das Phantom der „Winkelfehlsichtigkeit“

Prismenbrillen können das Zusammenspiel der Augen stören

DÜSSELDORF 13.11.2013 – Ein Phantom geht um in Kindergärten und Schulen – die „Winkelfehlsichtigkeit“. Diesen Begriff benutzen einige Optiker und Ergotherapeuten, um Sehprobleme von Kindern zu beschreiben, die sie dann mit Prismenbrillen „behandeln“. Weshalb dies aus medizinischer Sicht nicht nur unsinnig, sondern mitunter sogar schädlich ist, erläutert PD Dr. Dietlind Friedrich, Leiterin des Ressorts Strabologie/Neuroophthalmologie im Berufsverband der Augenärzte Deutschlands (BVA).

Wenn ein Kind sich nicht gut konzentrieren kann, womöglich in der Schule Schwierigkeiten hat, Lesen und Schreiben zu lernen, sollte in der Augenarztpraxis geklärt werden, ob eventuell eine bislang nicht entdeckte Fehlsichtigkeit vorliegt. Immer wieder finden aber schon in Kindergärten Informationsabende von Optikern statt, in denen über „Winkelfehlsichtigkeit“ informiert wird und die angebliche Möglichkeit, sie mit besonderen Brillen mit prismatischen Gläsern zu „behandeln“. Doch die so genannte Winkelfehlsichtigkeit ist keine augenfachärztliche oder gar wissenschaftlich fundierte Diagnose, insofern hat der Verkauf von Prismengläsern zu ihrer „Behandlung“ keinerlei therapeutische Berechtigung.

Eingriff in das Zusammenspiel der Augen

Der Begriff „Winkelfehlsichtigkeit“ erweckt den Eindruck, dass es sich hier um eine Fehlsichtigkeit handelt. Die sprachliche Verwandtschaft zu Begriffen wie Kurz- oder Weitsichtigkeit führt leicht in die Irre. Dieser Kunstbegriff hat nichts mit einer Diagnose zu tun. Er umschreibt vielmehr einen Zustand beider Augen, der durch eine willkürliche Vermessungsaktion erst entsteht. Bei dieser „Vermessung“ wird das natürliche Zusammenspiel beider Augen irritiert. Unabhängig davon, ob diese Zusammenarbeit normal oder gestört ist, bewirkt das Vorschalten von Prismen eine kurze Erholungsphase, die der Betroffene als angenehm empfindet.

Sorgfältige Diagnostik

Bei den meisten Menschen findet sich ein verstecktes (latentes) Schielen, das Augenärzte mit dem Fachbegriff „Heterophorie“ bezeichnen. Es bedeutet, dass die Blickrichtung beider Augen in Ruhestellung minimal voneinander abweichen kann, zum Beispiel bei Ermüdung nach Alkoholgenuss oder bei großer Anstrengung. Normalerweise gleichen aber natürliche Ausgleichsmechanismen diese Abweichung ohne jegliche Beschwerden aus. Selten treten doch Symptome wie ein Gefühl der Ermüdung nach längerem Lesen, brennende Augen oder Kopfschmerzen auf. Augenärzte können hier Klarheit schaffen, ob eine Heterophorie vorliegt. Auch Orthoptistinnen, die oft Augenärzte durch entsprechende Untersuchungen unterstützen, sind gerade auf diesem Gebiet besonders geschult. Die richtige Therapie zu finden, erfordert die vertrauensvolle Zusammenarbeit von Eltern, Kind und Augenarzt und mitunter Einiges an Geduld.

Warum Prismengläser schädlich sein können

Die von einigen Optikern propagierte „Therapie“ der so genannten Winkelfehlsichtigkeit mit Prismenbrillen ist aus fachärztlicher Sicht absolut inakzeptabel und wissenschaftlich nicht belegt. Die Prismen beeinflussen die Stellung der Augen zueinander. So soll es möglich sein, Ermüdungserscheinungen zu verhindern. Da der Patient sich aber nach einiger Zeit an die Prismen gewöhnt, kehren damit langsam der ursprüngliche Zustand und auch die Ermüdung zurück. Um die subjektiv empfundene Erholung zu erzielen, beginnt die „Therapie“ von Neuem, allerdings sind nun stärkere Prismen nötig. Die Gläser werden schwerer, und der Aufwand für das beidäugige Sehsystem, mit dieser neuen Änderung zurechtzukommen, wird größer. Subjektiv vermittelt das dem Patienten ein Gefühl der verdienten Anstrengung und Entlastung. Die Prismen werden bei dieser „Behandlung“ fast ausschließlich in einer Richtung verordnet, nämlich mit der Strahlenablenkungswirkung nach außen. Dies erzwingt eine Nacheinstellung der Augen. Das ist ein natürlicher Reflex, der zunächst als angenehm empfunden werden kann. Dies ist jedoch kein Heilungsansatz! Im Gegenteil – das Sehsystem muss für eine angenehme Sehempfindung erneut nacharbeiten und die durch die Prismen erzwungene Situation ausgleichen. Es entstehen damit auch bei dieser „Therapie“ Ermüdungserscheinungen, die nach einer Entlastung verlangen. Also weitere Prismen – solange, bis das Gewicht der Prismengläser unter Umständen geradezu absurde Ausmaße angenommen hat und die durch die Prismen künstlich erzwungene Fehlstellung der Augen im Extremfall tatsächlich eine Operation erforderlich macht. Eine Operation, die vermieden werden kann, wenn von vorneherein fachärztlich korrekt diagnostiziert und therapiert würde. Augenärzte warnen daher ausdrücklich davor, ohne vorherige augenärztliche Untersuchung Prismenbrillen vom Optiker anpassen zu lassen.

Auch Augenärzte setzen Prismen ein – nach reiflicher Überlegung

Prismengläser haben eine das Licht in nur eine Richtung ablenkende Wirkung. Sie sind nicht zu vergleichen mit Linsen, die Refraktionsfehler wie eine Kurz- oder Weitsichtigkeit ausgleichen. In der Augenheilkunde werden Prismen vor allem zu diagnostischen Zwecken eingesetzt. Nur in ausgesuchten Fällen werden sie auch therapeutisch, das heißt für längere Zeit genutzt.

Augenärzte sehen es sehr kritisch, dass Berufsgruppen, die nicht wie Augenärzte über eine Ausbildung in Sinnesphysiologie, Orthoptik oder Strabologie verfügen, Prismengläser ohne augenärztliche Verordnung an Kinder abgeben dürfen.


Herausgeber:
Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA),
Tersteegenstr. 12, 40474 Düsseldorf

Pressekontakt:
Berufsverband der Augenärzte Deutschlands e.V. (BVA),
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